Bern einfach. Das Wichtigste zum Tag. · Markus Somm, Dominik Feusi

Spezial zur Familienpolitik: Was nützt den Familien in der Schweiz?

April 12, 2026·33 min·3 clips
Economist Melanie Hähner-Müller reveals her report finding Swiss families are half as poor as the European average despite lower spending.
1. Bern einfach präsentiert ein Spezial zur Schweizer Familienpolitik mit Melanie Hähner-Müller, Ökonomin am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern. 2. Gastgeber ist Dominik (Bern einfach); Melanie Hähner-Müller hat vor wenigen Wochen einen umfassenden Bericht zur Wirkung familienpolitischer Massnahmen veröffentlicht. 3. Die Kernfrage lautet: Was hat die Schweizer Familienpolitik der letzten 20-25 Jahre tatsächlich bewirkt — gemessen an Ergebnissen, nicht an Ausgaben? 4. Der erste Hauptbefund: Die Armutsquote bei Haushalten mit Kindern beträgt in der Schweiz rund 6%, verglichen mit etwa 12% im europäischen Schnitt — ein klarer Spitzenplatz trotz niedrigerer Ausgaben. 5. Besonders betroffen von Armut sind Alleinerziehende und kinderreiche Familien; die am stärksten armutsgefährdete Gruppe sind jedoch Alleinstehende ohne Kinder. 6. Ein zweiter zentraler Befund: In der Schweiz hängen nur 17% des individuellen Einkommens vom Elterneinkommen ab — früher waren es rund 50%, und selbst Skandinavien liegt mit über 20% schlechter. 7. Als Erklärung nennt Hähner-Müller das duale Berufsbildungssystem, das auch Personen ohne Hochschulabschluss durch Berufsaufstieg ein gutes Einkommen ermöglicht. 8. Zur Elternzeit: Bei Müttern zeigen Studien ab etwa vier Monaten Karenz bereits negative Beschäftigungseffekte, weil Arbeitgeber die Stelle nicht so lange offen halten wollen. 9. Die geplante Familienzeit-Initiative sieht 18 Wochen Mutterschafts- und 18 Wochen Vaterschaftsurlaub vor; die Kosten werden auf 258 Millionen Franken/Jahr für Mütter und 1,25 Milliarden Franken für Väter geschätzt. 10. Beim Vaterschaftsurlaub zeigt die Forschung: Ohne verpflichtende Quoten (sogenannte 'Daddy-Months') nehmen Männer die Karenz kaum in Anspruch und überlassen sie den Frauen. 11. Bei Kita-Subventionen ergibt die internationale Forschung: 10% mehr Subventionen führen nur zu einem Beschäftigungsanstieg von 0,5% bis 2,5% — ein moderater Effekt. 12. Zudem profitieren primär Familien mit mittlerem oder hohem Einkommen von Kita-Subventionen; sozial benachteiligte Familien — die eigentlich als Hauptzielgruppe gelten — nehmen das Angebot seltener wahr. 13. Hähner-Müller empfiehlt das Gutschein-/Voucher-Modell statt staatlich betriebener Kitas, da es Wettbewerb und flexible Angebote fördert — erprobt in Bern und Luzern mit positiven Ergebnissen. 14. Kita-Subventionen sollten kantonal oder sogar auf Bezirksebene geregelt werden, da die Bedürfnisse in Genf und St. Gallen sehr verschieden sind. 15. Familienzulagen (Kindergeld, aktuell mindestens 215 CHF/Kind/Monat) sind das älteste und grösste familienpolitische Instrument; sie sollen weiter erhöht werden. 16. Nachteil der universellen Familienzulagen: Da sie nicht einkommensabhängig sind, reduzieren sie den Anreiz für Zweiteinkommen, besonders bei Geringverdienenden, und können damit Armutsrisiken langfristig erhöhen. 17. Hähner-Müller befürwortet eine stärkere Nutzung von Steuerabzügen für Erwerbstätigkeit als Ergänzung zu Familienzulagen, da diese besser mit der Arbeitsmarktpartizipation verknüpft sind. 18. Zur Geburtenrate: Die Forschung ist sich einig — kein finanzielles Instrument der Familienpolitik erhöht nachhaltig die Geburtenrate, unabhängig vom Investitionsvolumen. 19. Südkorea und Japan haben Milliarden in Familienpolitik investiert ohne messbaren Geburtenanstieg; Claudia Goldin, Wirtschaftsnobelpreisträgerin, belegt, dass Geburtenentscheidungen von Rollenbildern und Präferenzen abhängen, nicht von Geld. 20. Zuhörer, die an evidenzbasierter Sozialpolitik, Schweizer Bildungs- und Wohlfahrtssystem oder dem Vergleich von Familienpolitik in Europa interessiert sind, werden hier konkrete Daten und nüchterne Analysen finden; rein politisch motivierte Hörende, die Advocacy statt Analyse suchen, werden enttäuscht sein.
Listen to the show on